Der Neo-Generalist und was Aristoteles damit zu tun hat

Das Cover des Buches "Aristotle's Metaphysics" zeigt einen Ausschnitt aus Raphaels Gemälde in dem Platon und Aristoteles im Zentrum stehen. Im Gemälde weist Platon plakativ in den Himmel und Aristoteles auf den Boden. Man ist versucht diese Geste als Bodenständigkeit zu deuten. Aber wird man damit diesen beiden Vordenkern gerecht?

Aristoteles war mit 17 in die Platonische Akademie eingetreten, war Begründer des Lykeion, Lehrer Alexander des Grossen und hat umfangreiche Bücher über praktisch alle Bereiche geschrieben, auf die die heutigen wissenschaftlichen Disziplinen aufbauen.

Platon und der Atomist Demokrit waren Vorgänger von Aristoteles und haben sich beide ebenfalls mit sehr vielen Dingen beschäftigt. Von Aristoteles sind aber nicht nur mehr Arbeiten erhalten, er hat für die kognitive Psychologie, also dem Bereich des Denken und Gedächtnis, eine wesentliche Erkenntnis eingeführt. Im Bereich der formalen Logik hat Aristoteles neue Buchstaben-Variable eingeführt um auf die Form der Logik hinzuweisen und zu zeigen ob eine Logik (valide) schlüssig ist oder nicht. Auf diesen Prinzipien basieren nicht nur unsere formalen Schlussfolgerungs-Typen sondern auch moderne Programmiersprachen wie C++ oder Python.

Das Buch Metaphysik meint Alle Schriften, die nach der Physik kamen und befasst sich mit der Frage nach der Substanz. Aristoteles selbst hat den Begriff Metaphysik nie gebraucht. Stattdessen spricht er von der Disziplin erster Philosophie! Der Ausgangsbegriff ist das Seiende also Gegenstände, Eigenschaften oder Ereignisse. Die Frage mit der sich die Disziplin erster Philosophie beschäftigt ist im Wesentlichen, ob alle Dinge auf dieselbe Weise Seiend sind oder ob es Unterschiede oder Abhängigkeiten gibt. Die Idee ist es nach einer Substanz zu suchen. Nach einem Seienden, das für sich allein gelten kann ohne von anderen Dingen abhängig zu sein.

Am Beispiel des glatzköpfigen Sokrates erklärt Aristoteles den Begriff der Substanz so indem er sagt, Kahlköpfigkeit existiere nie für sich allein, sondern immer nur an Männern (Menschen) ohne Haare. Kahlköpfigkeit ist also die Substanz, die von der Art oder dem Prädikat Mensch abhängig ist.

Zwischen Platon und Aristoteles gab es einen regelrechten Disput, der Auswirkungen bis auf das heutige Bildungswesen hat und sich bis Heute auch in den Organisationsstrukturen, Leadership, Teamkonstellationen und im recruitment niederschlägt. Platon fand Wissenschaft soll eine grosse Einheit der Philosophie sein, die über alle Themen Auskunft gibt während Aristoteles auch in der empirischen Forschung tätig war und fand, dass Disziplinen mit einem adäquaten Ansatz die bessere Lösung sei. Die Schüler des Aristoteles haben diesen Leitgedanken weiter entwickelt bis zu wissenschaftliche Disziplinen und Spezialisierungen.

Auch Isaac Newton verbinden die meisten Menschen mit seiner Forschungsarbeit in der Physik und als den Verfasser der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. Newton war tatsächlich ein Philosoph. Er hat sich am Trintiy College in Cambridge intensiv mit der Lehre des Aristoteles beschäftigt und war ebenso stark von den Cambridge Platonikern beeinflusst. Daher hat er sich eher mit der qualitativen statt der quantitativen Naturphilosophie auseinandergesetzt wie zum Beispiel in der Optik, Mechanik oder der Astronomie aber auch der Theologie und Alchemie. Man kann also sagen, dass am Trinity College in Cambridge den Studierenden die Möglichkeit gegeben wurde im lebendigen Diskurs und Spannungsfeld zweier unterschiedlicher Ideologien Grossartiges zu schaffen.

Seit der Aufklärung im 18. Jh. hat das Deutsche Bildungs-Konzept starken Einfluss und eine expansive Vision im Spezialistentum ausgeübt. Das Ziel ist seither nicht nur die schulische Bildung an sich zu verbreiten sondern auch Neugier zu wecken, den Charakter zu bilden, Werthaltungen und Wissen zu entwickeln. Individuen sind dabei dazu angeregt, geradezu moralisch dazu verpflichtet, sich selbst und ihre nächste Umwelt in ihrer Gemeinde oder ihre Community gemäss ihrem Wirkungsgrad weiter zu entwickeln. Wenn man diese Ideen über die Zeitachse weiter verfolgt erkennt man, wie sehr ganze Regionen dadurch in ihrer sozio-ökonomischen Entwicklung profitiert haben. Auf die Organisationsentwicklung der heutigen Zeit übertragen sieht man bis in die 2010er Jahre hinein die Bildung von Silos mit einer hochspezialisierten Fach-Belegschaft. Konzepte wie Agile oder die Idee der Kollegialen Zirkel halfen dabei diese Silos aufzubrechen und die Menschen und Talente in den Unternehmen in der Kommunikation und den Arbeitsprozessen besser zusammen zu führen.

Der Neo-Generalist und New Work

Das Buch von Kenneth Mikkelsen und Richard Martin ist 2016 erschienen und ist in einer Neuauflage verfügbar. Es behandelt die Schwierigkeiten die durch die Spezialisierung und der Auswirkungen der Silos verursacht sind und plädiert mehr zu kontinuierlichem Lernen denn blossem up- und reskilling. Die Autoren beschreiben sehr schön wie Unternehmen auf das engmaschige und vertiefte Wissen von Spezialisten angewiesen sind. Sie veranschaulichen dass sich Generalisten gut darauf verstehen immer wieder in einzelne Gebiete einzutauchen, um diese mit ihrem Wissen zu komplettieren und die  verschiedenen Unternehmensbereiche miteinander zu verbinden. Neo-Generisten sind für die Autoren daher so etwas wie Serielle Spezialisten, die es in modernen Unternehmen für eine übergeordnete, kaleidoskopische Übersicht braucht. Sie sind es, die eine ganzheitliche fachübergreifende Ansicht einbringen und somit Teams ihren übergeordneten Departements-Zielen näher bringen, respektive dazu beitragen die Unternehmensziele umzusetzen. Das Buch befasst sich in diesem Zusammenhang dabei eher mit einem Platon'schen hierarchisch-autokratischen denn mit agilen Leadership Modellen, was meiner Ansicht nach keine Bedingung für das Argument des Neo-Generalisten ist. Die Autoren gehen auch nicht auf das Thema der Aktualität einzelner spezialisierter Berufe im Zusammenhang mit einer zunehmenden Digitalisierung ein. Trotzdem ist es eine interessante Anregung dazu über die Strukturen und Dynamiken nachzudenken zwischen Talenten, Teamkonstellationen und Menschentypen und welches Leadership sowie Performance Konzepte diese bedingen.

Im Sinne von New Work gilt es die Ideologien in den Unternehmen zusammen zu führen für einen bereichernden Diskurs. Im Idealfall sollte man ein möglichst breites Spektrum von Spezialisten und Generalisten engagieren und in den fachlichen und organisatorischen Einheiten gut ausbalanciert zusammen bringen. So ist es möglich die für die Entwicklung notwendigen inkrementellen bis radikalen Innovationen; also Änderungen mit einem tieferen oder höheren Grad an Neuigkeit; in Prozessen, Service, Produkten, Business Modellen oder der (digitalen) Technologie umzusetzen.

Lektüre Empfehlung in der Neuauflage von 2019

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